Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien habe ich in einem Zeitraum von 13 Jahren in fünf Ländern aufgenommen. Obwohl viel Zeit und Raum zwischen den meisten Aufnahmen liegt, haben die Fotografien etwas gemeinsam: Sie zeigen Menschen, deren traditionelles Leben radikalen gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen war.
- In Burma bevormundete das Militär unter dem Leitbild des ‚burmesischen Weg zum Sozialismus‘ die Bevölkerung und isolierte das Land vom Rest der Welt. Als die Bevölkerung 1988 gegen die Unterdrückung demonstrierte, wurden die Demonstrationen brutal niedergeschlagen. Danach begann das Land sich mehr und mehr ausländischen Investitionen zu öffnen.
- Thailand erlebte seit den 70er Jahren einen starken wirtschaftlichen Aufschwung und eine zunehmende Verstädterung. Landbevölkerung strömte in die Städte, oft wurden Familien auseinandergerissen, Kinder von den Großeltern aufgezogen.
- Kambodscha hatte fast dreißig Jahre Krieg und Terror hinter sich: Die Bombardierung durch die Amerikaner, die Gewaltherrschaft der Roten Khmer und die darauffolgende Befreiung/Besatzung durch die Vietnamesen.
- Vietnam begann nach Jahrzehnten des Krieges und der Isolation mit einem Programm zur Modernisierung (Doi Moi) ein tiefgreifender gesellschaftschaftlicher Wandel.
- China entwickelte sich unter dem Leitbild der Sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung 1992 zur wirtschaftlichen Supermacht, was das Land und das Leben der Menschen nachhaltig verändern sollte.
Gesellschaftliche Hintergründe sind bei manchen meiner Fotos unmittelbar sichtbar, z.B. beim Bild vom burmesischen Kindersoldaten. Andere Bilder zeigen Menschen in ihrem Alltag: Auf Märkten, auf Straßen, in Dörfern, in Städten, bei der Arbeit, beim Warten oder beim Spielen. Die Lebensverhältnisse , die auf diesen Bildern gezeigt werden, sollten oft nicht mehr lange Bestand haben.
Was mich an Fotografie interessiert
Eine Kamera war für mich schon immer vor allem ein Werkzeug zur Kontaktaufnahme, die Begegnung war mir immer wichtiger als das perfekte Bild. Auch zur materiellen Welt der Natur und der menschengemachten Dinge, insbesondere aber zu den Menschen, die diese Welt bewohnen. Und ein Foto entsteht für mich nicht einfach dadurch, dass ich eine Kamera auf einen Menschen richte und den Auslöser drücke. Vor dem Bild steht meist eine Begegnung, manchmal nur ein Blick, manchmal ein Lächeln, manchmal ein Gespräch. Und manchmal einfach die stille Zustimmung: Ich darf dich fotografieren.
Von einem weltberühmten Fotografen wurde einmal behauptet Er stelle auf die Seele scharf. Das war immer mein Leitbild. Ein Bild empfinde ich als gelungen, wenn ein Gefühl erkennbar ist, in das sich der Betrachter einfühlen kann: Neugier, Stolz, Lebensfreude, Traurigkeit, Ernsthaftigkeit, Schalk, ….
Alle Bilder sind analog, also auf Film, aufgenommen worden und erst viele Jahre später habe ich sie digitalisiert, einerseits um sie zu sichern, vor allem aber, um sie einfacher verwalten und drucken zu können. Aber keines dieser nun digitalen Bilder habe ich nachträglich durch KI manipuliert. Was Sie in meiner Ausstellung sehen, ist das, was ich damals durch den Sucher gesehen hatte.
Was mir die Fotografien heute bedeuten
Als ich 1985 zum ersten Mal in Asien war, war ich unfassbar fasziniert, heute würde man vielleicht sagen ‚geflasht‘. Ich habe es als eine Welt voller Zauber erlebt, insbesondere in Burma (heute Myanmar), das nach einem Militärputsch 1962 vom Militär jahrzehntelang vom Rest der Welt abgeschottet wurde, und in dem deshalb die Zeit stehen geblieben zu sein schien. Tempel und Buddhastatuen wohin man blickte, viele lokale Feste, auf denen Gaukler, Illusionisten und Musikdarbietungen zu sehen waren, kleine Geschäfte und lokales Handwerk an den Straßenrändern, Ochsenkarren und Pferdefuhrwerke auf den Straßen, LKWs aus den 40er und 50er Jahren als hauptsächliches Transportmittel für Waren.
Ähnliche Bilder und Eindrücke gab es auch in den anderen Ländern, auch wenn diese nicht ganz so aus der Zeit gefallen waren wie Burma. Und das alles bevölkert von Menschen, die mir sehr offen und freundlich begegnet sind.
Durch ausländische Investitionen induzierte wirtschaftliche Entwicklung und die Verbreitung von Smartphones haben diese Länder seitdem stark verändert. Meine Bilder helfen mir, mich an die Gefühle zu erinnern, mit denen ich diese fremde und faszinierende Welt am Ende des vorigen Jahrtausends erleben durfte. Ich bin dankbar, dass ich dort sein konnte, bevor Modernisierung und Globalisierung diese Länder so grundlegend entzaubert haben.
Zur Organisation der Ausstellung?
Der Untertitel zur Ausstellung lautet ja Fotografien – Geschichten – Einblicke. Die Fotografien hängen an der Wand, aber wo sind die Geschichten und Einblicke? Ich habe zu jedem Bild einen kurzen Text geschrieben, in dem ich manchmal etwas darüber erzähle, wie das Bild entstanden ist (Geschichten), manchmal kurze Informationen zu den gesellschaftlichen Hintergründen gebe (Einblicke). Manchmal auch beides. Diese Texte können über QR-Codes am Bild aufgerufen werden. Für die, die nicht so gerne auf dem Smartphone lesen, habe ich diese Texte leicht gekürzt als Handout ausgelegt.
Ich werde Führungen durch die Ausstellung anbieten. Wenn Sie daran Interesse haben, schicken Sie mir bitte Ihren Namen und ihre E-Mail-Adresse. Dann informieren wir Sie, wenn eine Führung stattfindet.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Betrachten meiner Bilder.
Jürgen Peters